Nation: Ein Deutungsansatz

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Nation: Ein Deutungsansatz
Nation: Ein Deutungsansatz
 
Jedermann f√ľhlt sich heute, √ľberall in der Welt, einer Nation zugeh√∂rig. Die nationale Zuordnung und Identit√§t wird als etwas ganz Nat√ľrliches angesehen. Niemand will auf sie verzichten, mit Geburtsurkunde und Pass wird sie dokumentiert. Man ist Deutscher, Franzose, Brite, Japaner, Chilene oder Ghanaer. Die Nation, die in der Regel in einem von ihr gestalteten Nationalstaat lebt, stattet das Individuum mit B√ľrgerrechten, einer Staatsangeh√∂rigkeit und einem Schutzversprechen aus ‚ÄĒ oder erhebt doch zumindest den Anspruch, alles dies zu tun.
 
 Individuum und Nation
 
F√ľr das Individuum bedeutet die Zugeh√∂rigkeit zu einer Nation die feste Einbindung in eine soziale Gro√ügruppe. Sie stellt ihm Solidarit√§t und Unterst√ľtzung in Aussicht, soziale Absicherung im Notfall, ein besseres Leben, Gl√ľck. Aber das hat seinen Preis. Als Gegenleistung erwartet die Nation vom Einzelnen ein hohes Ma√ü an Loyalit√§t und die Bereitschaft, die Nation in der Stunde der Gefahr zu verteidigen, notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens.
 
Angesichts dieser engen, auf wechselseitige Abh√§ngigkeit gegr√ľndeten Beziehung zwischen dem Individuum und dem gro√üen Kollektiv der Nation hat der √∂sterreichische Sozialdemokrat Otto Bauer einmal sehr scharfsinnig von der Nation als ¬ĽSchicksalsgemeinschaft¬ę gesprochen. ¬ĽSchicksalsgemeinschaft¬ę, so f√ľhrte Bauer 1907 in seiner viel beachteten Schrift √ľber die nationale Frage in der Habsburgermonarchie aus, ¬Ľbedeutet nicht Unterwerfung unter gleiches Schicksal, sondern gemeinsames Erleben desselben Schicksals in stetem Verkehr, fortw√§hrender Wechselwirkung miteinander.¬ę Denn: ¬ĽNur das gemeinsame Erleben und Erleiden des Schicksals, die Schicksalsgemeinschaft, erzeugt die Nation.¬ę
 
Bauers Auffassung, formuliert in der Abendd√§mmerung der vom Nationalit√§tenstreit gesch√ľttelten Monarchie, wird noch heute weitgehend akzeptiert. Die Nation und der von ihr getragene Nationalstaat bilden f√ľr das Individuum, unabh√§ngig von seiner Herkunft, Rasse oder Sprache, die Lebensgrundlage und den Rahmen f√ľr seine politischen, sozialen und kulturellen Aktivit√§ten, zumindest in der Theorie.
 
Aber dar√ľber hinaus leistet die Nation noch mehr. Seit dem sp√§ten 18. Jahrhundert liefert die Nation als eine vorgestellte Solidargemeinschaft von Menschen, die mit bestimmten Eigenschaften und Merkmalen ausgestattet ist, das Band oder den Kitt, der Gesellschaften und Staaten zusammenh√§lt, ihnen Stabilit√§t verleiht und ihre Angeh√∂rigen bzw. B√ľrger zu gemeinsamem Handeln veranlassen und verpflichten kann. Es wird behauptet, und die Geschichte seit der Franz√∂sischen Revolution scheint dies auch zu belegen, dass nur der Staat Bestand hat, der sich auf eine mehr oder weniger solidarische Nation zu st√ľtzen vermag. Nur der ¬ĽNationalstaat¬ę kann demnach auf die integrierende Kraft der Nation vertrauen. Sie garantiert ihm auch, gerade in Krisenzeiten, den notwendigen Zusammenhalt.
 
 Der multinationale Staat
 
Dem multinationalen Staat fehlt hingegen die innere Geschlossenheit des Nationalstaats. Er scheint nicht in der Lage zu sein, die Loyalit√§t mehrerer in ihm lebender Nationen zu gewinnen und dauerhaft zu binden. Der multinationale Staat wird vielmehr √ľber kurz oder lang zum Schauplatz miteinander konkurrierender und sich oft gegenseitig ausschlie√üender nationaler Interessen, ja h√§ufig sogar von bitteren Konflikten zwischen den in ihm lebenden Nationen. Der multinationale Staat, so sagen die Nationalisten, ist auf Dauer nicht lebensf√§hig. Die Habsburgermonarchie ist als Folge der sie nachhaltig schw√§chenden Nationalit√§tenkonflikte zerfallen, ebenso j√ľngst die Sowjetunion und Jugoslawien oder auch die Tschechoslowakei. Nur die Schweiz scheint sich diesem Schicksal offenbar entziehen zu k√∂nnen.
 
¬†Nation ‚ÄĒ Eine moderne Erfindung
 
Die Nation ist seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nicht nur eine zentrale Kategorie des politischen Denkens und Handelns, sondern auch der politischen Wirklichkeit. Selbst noch am Ausgang des 20. Jahrhunderts sind die Vorstellungen und Erwartungen, die sich mit der Nation verbinden, von gro√üer geschichtlicher Wirkungsm√§chtigkeit. Die Entwicklungen in Ostmittel- und S√ľdosteuropa, in der fr√ľheren Sowjetunion und anderswo seit den Achtzigerjahren machen das hinreichend deutlich.
 
Aber auch in Westeuropa und in Nordamerika, wo das Denken in nationalen Begriffen seit 1945 un√ľbersehbar an Bedeutung verloren hat, haben nationale Symbole wie Fahnen, Nationalhymnen oder Nationalfeiertage im Grunde nichts von ihrer Integrationskraft und ihrem emotionalen Stellenwert f√ľr den Einzelnen eingeb√ľ√üt. In unserem Bewusstsein ist die ¬ĽNation¬ę fest verankert ‚ÄĒ und dabei wird allzu oft √ľbersehen, dass sie keine zeitlose Konstante in der Geschichte der Menschheit ist und mithin auch kein Raster darstellt, das die Menschen seit jeher in gro√üe √ľbersichtliche Gruppen einteilt. Die Nation als Solidarverband gibt es nicht ¬Ľseit Urzeiten¬ę, wie dies vor allem von den Protagonisten nationalen Denkens √ľberall behauptet wird. Das Gegenteil ist der Fall. Die Nation ist eine moderne Erfindung. Sie ist gerade einmal zweihundert Jahre alt.
 
 Die Geburt der Nation
 
Frankreich ist das Geburtsland der modernen Nation, und die jungen Vereinigten Staaten von Amerika haben bei der Geburt tatkr√§ftig mitgeholfen. In beiden L√§ndern ging die Nation aus einer Revolution hervor: in Nordamerika 1776 aus dem Unabh√§ngigkeitskampf gegen die britische Kolonialmacht und in Frankreich 1789 aus der Gro√üen Revolution gegen die alte St√§ndeordnung und K√∂nigsherrschaft. In beiden L√§ndern war die Nation im ausgehenden 18. Jahrhundert Ausdruck und Instrument f√ľr eine politische Mobilisierung der Menschen, die sich in der Revolution erstmals als eine Gemeinschaft m√ľndiger und gleicher Staatsb√ľrger begriffen. Diese Gemeinschaft (die ¬ĽNation¬ę) nahm f√ľr sich das Recht in Anspruch, √ľber ihr Schicksal selbst zu bestimmen und durch ihre gew√§hlten Organe die h√∂chste Souver√§nit√§t auszu√ľben.
 
In der ¬Ľatlantischen Doppelrevolution¬ę haben sich also die Bewohner der britischen Kolonien in Nordamerika und der Provinzen des K√∂nigs von Frankreich gegen alle regionalen, sozialen und konfessionellen Sonderungen zu einem Staatsvolk zusammengeschlossen, und zwar auf einer neuen Grundlage.
 
Alle diese Unterschiede sollte die Nation als die neue zentrale Lebensgemeinschaft nicht einebnen, aber doch √ľberw√∂lben und in ihrem trennenden Charakter letztlich √ľberwinden. Auf die Frage, was denn nun eine Nation im Verst√§ndnis der franz√∂sischen Revolution√§re sei, antwortete einer ihrer f√ľhrenden K√∂pfe, der Abb√© Siey√®s, 1789: ¬ĽEine Gesellschaft, welche unter einem gemeinschaftlichen Gesetz lebt und durch ein und dieselbe gesetzgebende Versammlung vertreten wird. Ist es nicht eine Tatsache, dass der Adelsstand Vorrechte und Privilegien genie√üt, welche er seine Rechte zu nennen er sich erdreistet und welche von den Rechten des gro√üen Ganzen der B√ľrger abgesondert sind? Er tritt dadurch aus der gemeinsamen Ordnung und dem gemeinschaftlichen Gesetz heraus.¬ę
 
 Kampfbegriff der Revolutionäre
 
Die politische und soziale Gemeinschaft rechtsgleicher B√ľrger wollte fortan autonom √ľber sich selbst bestimmen, Subjekt, nicht l√§nger Objekt des politischen Willens sein. ¬ĽNation¬ę war der Kampfbegriff, den die Revolution√§re der alten, st√§ndisch gegliederten Gesellschaft entgegenhielten. Der traditionellen Legitimierung von absoluter monarchischer Herrschaft war damit der Boden entzogen worden. Im revolution√§ren Verst√§ndnis repr√§sentierte die Nation die Gemeinschaft aller politisch bewussten Staatsb√ľrger, die von nun an in letzter Instanz Herrschaftsaus√ľbung legitimierte. Allein der Wille der Nation war die Quelle von politischer Macht. Unter der F√ľhrung des aufstrebenden franz√∂sischen B√ľrgertums, des ¬Ľdritten Stands¬ę, beanspruchte die Nation die Macht im Staate. In der klassischen Formulierung des Abb√© Siey√®s: ¬ĽDer dritte Stand umfasst alles, was zur Nation geh√∂rt. Und alles, was nicht der dritte Stand ist, kann sich nicht als ein Bestandteil der Nation betrachten. Was ist der dritte Stand? Alles.¬ę
 
Die revolution√§re Bewegung in Frankreich mit ihrem freiheitlichen und umfassenden Nationsbegriff richtete sich folglich zun√§chst gegen die politischen Gegner im Innern, in erster Linie gegen die alte F√ľhrungsschicht des Adels und Klerus. Die Angeh√∂rigen der beiden bislang privilegierten St√§nde wurden, soweit sie sich nicht dem revolution√§ren B√ľrgertum anschlossen, als nicht zur Nation geh√∂rig betrachtet. In dem Ma√üe aber, in dem die monarchisch verfassten Regierungen Europas die Souver√§nit√§t der franz√∂sischen Nation und die Legitimit√§t der neuen Staatsordnung in Frankreich bestritten, wandte sich die franz√∂sische Nation auch gegen sie. Der Ausbruch des Kriegs zwischen Frankreich und den kontinentalen Monarchien 1792 befl√ľgelte die Revolution√§re in dem Gedanken, es gelte den anderen V√∂lkern Europas die in der Revolution errungenen Freiheiten zu bringen. Die franz√∂sische Nation, die grande nation, hatte eine Sendung.
 
 Demokratisierung des Nationsbegriffs
 
Wenn seit den Revolutionen in Nordamerika und Frankreich die Nation in das Zentrum des politischen Denkens und Handelns r√ľckte, dann meinte der Begriff jedoch nicht mehr dasselbe wie in den Jahrhunderten zuvor. Sein Inhalt hatte sich in entscheidender Weise ver√§ndert. Man muss also zwischen einem mittelalterlichen und einem modernen Nationsbegriff unterscheiden. F√ľr den nachrevolution√§ren Menschen war die Nation zur allein verbindlichen Sinngebungs-und Rechtfertigungsinstanz geworden. In ihr ruhte die Volkssouver√§nit√§t.
 
Die mittelalterliche Nation (von lateinisch nasci ¬Ľgeboren werden¬ę) war hingegen in ihrer Bedeutung wesentlich eingeschr√§nkter. Der Begriff natio bezog sich auf Menschen gemeinsamer Abstammung oder gemeinsamer Herkunft. Er bezog sich auf Siedlungsgebiete, auf Landschaften und ihre Bewohner oder aber auf klar umgrenzte politische Gruppen. So meinte Nation im alten Heiligen R√∂mischen Reich deutscher Nation ausschlie√ülich den Hochadel, also die f√ľhrende Schicht in diesem √ľbernationalen Staatsverband. An ihn wandte sich Martin Luther 1520 mit seiner Schrift ¬ĽAn den christlichen Adel deutscher Nation¬ę. Als das Reich 1711 mit der ¬Ľungarischen Nation¬ę einen Frieden schloss, bedeutete Nation ¬Ľdie Barone, Pr√§laten und Adligen Ungarns¬ę. Die sozial und politisch privilegierten Schichten in Ungarn oder auch Polen waren die Adelsnation.
 
Vom Mittelalter bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts meinte also Nation im politischen Kontext nicht die Gesamtheit des Volks, sondern lediglich die herrschende, politisch repr√§sentierte Schicht. Trotzdem: Die moderne Nation hat eine weit zur√ľckreichende Vorgeschichte. Der Begriff, der urspr√ľnglich eine exklusive Gruppe in der Gesellschaft bezeichnete, wurde im ausgehenden 18. Jahrhundert ¬Ľdemokratisiert¬ę. Gleichzeitig wurde der Nation im politischen Koordinatensystem ein neuer Stellenwert zugeschrieben.
 
¬†Eine Nation ‚ÄĒ Ein Staat
 
In Frankreich trat die moderne Nation durch einen revolution√§ren Akt ins Leben. Aber sie konnte einen monarchischen Staat beerben, der √ľber Jahrhunderte gewachsen und in zahllosen Kriegen nach innen und au√üen gefestigt worden war. Seine Existenzberechtigung wurde von niemandem mehr bestritten; er verf√ľgte √ľber gesicherte Grenzen. F√ľr ihre weitere politische und soziale Entwicklung fand die moderne franz√∂sische Nation also einen Rahmen vor. In den meisten anderen Teilen Europas war das ganz anders.
 
Der √úbergang vom historisch gewachsenen dynastischen Staat zum modernen Nationalstaat unterlag ganz anderen Entwicklungsbedingungen in den Gebieten, in denen Staat und Nation aus unterschiedlichen Gr√ľnden nicht zusammenfielen, etwa in Italien oder in Deutschland, und erst recht in den Vielv√∂lkerreichen der Habsburger, der Romanows und der Osmanen. Eine Nation, ein Staat: Diese Forderung wurde in Europa im Gro√üen und Ganzen im Laufe eines Jahrhunderts durchgesetzt.
 
Dieses Prinzip, Grundlage aller nationalen Bewegungen seit dem 19. Jahrhundert, hat die politische Landkarte des Kontinents v√∂llig ver√§ndert. Die europ√§ischen V√∂lker von den Griechen bis zu den Polen und Tschechen haben dem Vorgang ihrer Nationwerdung und Staatsgr√ľndung auch √§hnliche Namen gegeben. Sie sprachen von nationaler Erhebung, nationalem Erwachen oder nationaler Wiedergeburt. Die Italiener nannten ihre Nation- und Staatswerdung risorgimento (Wiederauferstehung) in Anlehnung an die Zeitschrift ¬ĽIl Risorgimento¬ę, die ab 1847 in Turin erschien.
 
¬†Eine Nation ‚ÄĒ Eine Sprache
 
Das ¬Ľnationale Erwachen¬ę der europ√§ischen V√∂lker seit dem fr√ľhen 19. Jahrhundert war ein kollektiver Vorgang, in dem die ¬ĽErwecker¬ę eine ma√ügebliche Rolle spielten. Jede Nation hat sp√§ter die Taten und Verdienste der Philologen, Dichter, Historiker und Politiker, die den Anspruch der erwachenden Nation auf Eigenst√§ndigkeit und Selbstbestimmung begr√ľndeten und in den meisten F√§llen auch durchzusetzen vermochten, nach Kr√§ften ger√ľhmt. Der deutsche Philosoph Friedrich Schleiermacher bezeichnete die ¬ĽGr√ľnder und Wiederhersteller von Staaten¬ę als die ¬Ľgro√üen M√§nner¬ę, die geschichtsm√§chtigen historischen Individuen. Zu den ¬ĽErweckern¬ę z√§hlte die deutsche Nationalbewegung die Philosophen Johann Gottfried Herder und Johann Gottlieb Fichte, den ¬ĽTurnvater¬ę Friedrich Ludwig Jahn und den Publizisten Ernst Moritz Arndt. Die Griechen r√ľhmen den Dichter Rigas Velestinlis und den gro√üen Philologen Adamantios Korais, die Iren unter andern den ¬ĽBefreier¬ę und Volkstribunen Daniel O'Connell und die Polen den Dichter Adam Mickiewicz.
 
Die ¬ĽErwecker¬ę gingen davon aus, dass sich die Nation vor allem in der Sprache manifestiere und sprachliche Uniformit√§t f√ľr den Nationalstaat unverzichtbar sei. Im Nationalstaat m√ľsse eine Nationalsprache gesprochen werden, denn die Nation sei auch eine Sprachgemeinschaft. ¬ĽSo weit die deutsche Zunge klingt¬ę, wollte Ernst Moritz Arndt 1813 das ¬Ľganze Deutschland¬ę geeint wissen. Die Sprachgrenzen seien die nat√ľrlichen Grenzen eines nationalen Staats. Damit erfuhr das Kriterium der Sprache eine enorme Aufwertung. Sie wurde Gegenstand vielf√§ltiger wissenschaftlicher und literarischer Bem√ľhungen. Die Sprache vor allem galt den Protagonisten des nationalen Gedankens als das √§u√üere, sichtbare Merkmal, das ein Volk zur Nation macht, eine Nation von anderen Nationen unterscheidet und das Anrecht der Nation auf den eigenen Staat begr√ľndet.
 
¬†¬ĽJede Nation ein Staat¬ę
 
F√ľr die nationalen Bewegungen in Europa und sp√§ter auch in anderen Teilen der Welt wurde mithin der Nationalstaat zum ausschlie√ülichen, allein legitimierten Ordnungsprinzip der Staatenwelt. Im Sinne des einflussreichen italienischen Nationalisten Giuseppe Mazzini war es unertr√§glich, wenn Nation und Staat nicht identisch sein konnten. Die politische Trennung von V√∂lkern, die sich als kulturelle und sprachliche Einheit begriffen, empfand Mazzini als Zwangsordnung. Ein Europa der Nationalstaaten sollte an die Stelle der multinationalen Staaten treten, denen als ¬ĽV√∂lkergef√§ngnissen¬ę von den Nationalbewegungen jede Berechtigung f√ľr ihr Fortbestehen abgesprochen wurde. Der liberale, in Heidelberg lehrende Schweizer Staatsrechtslehrer Johann Caspar Bluntschli schrieb 1870 kurz und b√ľndig: ¬ĽJede Nation ist berufen und daher berechtigt, einen Staat zu bilden. .. Wie die Menschheit in eine Anzahl von Nationen geteilt ist, so soll die Welt in ebenso viele Staaten zerlegt werden. Jede Nation ein Staat. Jeder Staat ein nationales Wesen.¬ę
 
Der seit dem fr√ľhen 19. Jahrhundert erhobene Anspruch jeder Nation auf den eigenen Staat wurde nicht mehr infrage gestellt. Er stand hinter der Agitation aller Nationalbewegungen und auch hinter dem Prozess der Entkolonisierung, der nach dem Zweiten Weltkrieg zur Aufl√∂sung der gro√üen europ√§ischen Kolonialreiche f√ľhrte, und er wird von den Vereinten Nationen bis heute nachdr√ľcklich unterst√ľtzt.
 
Ein simpler Ma√üstab, n√§mlich die Zahl der formell unabh√§ngigen Staaten in der Welt, vermag die politischen Auswirkungen des Nationalstaatsprinzips in der Realit√§t eindrucksvoll zu demonstrieren. Die Gesamtzahl der souver√§nen Staaten lag zwischen 1870 und 1914 mit geringen Schwankungen bei f√ľnfzig, davon sechzehn Staaten in Europa. Am Ende des Ersten Weltkriegs wuchs die Staatengesellschaft um zehn. Der Genfer V√∂lkerbund z√§hlte 1920 bei seiner Gr√ľndung 42 Mitglieder. Seine Nachfolgeorganisation, die Vereinten Nationen, hatte bei ihrer Gr√ľndung im Jahre 1945 51 Mitglieder. 1960 geh√∂rten ihr aber bereits 82 und 1984 161 Mitglieder an. Im Jahre 1997 war die Mitgliederzahl der Vereinten Nationen schlie√ülich auf 185 Staaten gestiegen. In Europa z√§hlte man im gleichen Jahr 43 Staaten ‚ÄĒ so viele wie nie zuvor in der langen Geschichte des Kontinents.
 
 Nation und Nationalbewusstsein
 
Jede Nation ist in ihrer Existenz davon abh√§ngig, dass ihre Angeh√∂rigen das Bewusstseinhaben, an einer politischen und sozialen Gemeinschaft teilzuhaben, die entweder √ľber einen Nationalstaat verf√ľgt oder einen solchen bilden will. Nationalbewusstsein wird durch Erziehung im weitesten Sinne vermittelt. Dabei wird meist das hervorgehoben, was die Angeh√∂rigen der Nation angeblich gemeinsam haben: Sprache, Kultur, Religion, politische Ideale, Staatsform, Geschichte. Nationalbewusstsein bzw. eine nationale Identit√§t wird aber auch gern durch Abgrenzung von den anderen Nationen oder durch Vergleiche mit ihnen definiert. In der Auseinandersetzung mit dem Fremden ‚ÄĒ der anderen Sprache oder Religion, den anderen Sitten und Lebensformen, dem anderen politischen System ‚ÄĒ wird sich eine soziale Gruppe, eine ¬ĽSchicksalsgemeinschaft¬ę, ihrer eigenen engen Beziehungen bewusst und ihrer Gemeinsamkeiten, aufgrund derer sie leichter miteinander kommunizieren k√∂nnen als mit den ¬ĽAnderen¬ę, den ¬ĽFremden¬ę. Man kann den Sachverhalt zugespitzt ausdr√ľcken: Eine Nation braucht Feinde, weil das offenbar die Suche nach der eigenen Identit√§t erleichtert.
 
 Fremdherrschaft als Geburtshelfer
 
Vor allem bei den Nationen, die ihren Nationalstaat noch erk√§mpfen m√ľssen, richtet sich das Nationalbewusstsein zumindest zeitweilig gegen einen vermeintlichen Feind, der ihrem Verlangen nach Selbstbestimmung oder ihrer internen Integration im Wege steht. Ein ma√ügeblicher Ausl√∂ser f√ľr das politische Nationalbewusstsein der Deutschen im fr√ľhen 19. Jahrhundert war beispielsweise die Okkupation Mitteleuropas durch Napoleon I., die von vielen als Fremdherrschaft und Unterdr√ľckung empfunden wurde. Die Jahre zwischen 1806 und 1813 wurden in Deutschland zur Geburtsstunde der nationalen Bewegung. Die Schriften und Reden eines Ernst Moritz Arndt oder Friedrich Ludwig Jahn bieten anschauliche Beispiele f√ľr den √ľberbordenden Franzosenhass in dieser Zeit, aber auch f√ľr Antisemitismus, also die Wendung gegen den angeblichen Feind in den eigenen Reihen, die Juden. Jahn predigte einen ¬Ľheiligen Kreuzzug¬ę gegen ¬ĽFranzosen, Junker, Pfaffen und Juden¬ę und gab die t√∂richte Devise aus: ¬ĽHass alles Fremden ist des Deutschen Pflicht.¬ę
 
Zum antifranz√∂sischen Element im Nationalbewusstsein der Deutschen gesellte sich seit den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts ein antid√§nisches, das sich aus dem deutsch-d√§nischen Konflikt um Schleswig und Holstein speiste. Um 1900 verk√∂rperte dann schlie√ülich die Weltmacht Gro√übritannien die Nation, die den weltweiten Interessen der deutschen Nation, so behauptete man, entgegentrat und folglich den Hass jedes rechten Deutschen verdiente. Hier zeigte sich die Nation unverh√ľllt von ihrer aggressiven, gewaltbereiten und intoleranten Seite.
 
F√ľr viele der neuen Staaten, die in Asien und Afrika im Zuge der Entkolonisierung entstanden, wurde in √§hnlicher Weise der Kampf gegen den Imperialismus der europ√§ischen Kolonialm√§chte der Ausgangspunkt f√ľr ein Nationalbewusstsein, das dort in den meisten F√§llen √ľberhaupt erst noch geschaffen werden musste. Die ¬ĽBefreiungskriege¬ę gegen die wei√üen Kolonialherren und ihre Kollaborateure in den Kolonien vermittelten den kolonisierten V√∂lkern √ľber alle internen Unterschiede und Trennungslinien hinweg vielfach zum ersten Mal die Erfahrung, ein gemeinsames politisches Schicksal zu haben. Sie begr√ľndete den Willen, nach dem Ende der Kolonialherrschaft die Zukunft als Nation gemeinsam zu gestalten.
 
 Nationsbildung. ..
 
Mit dem Nationalbewusstsein h√§ngt nat√ľrlich der schwer zu fassende Vorgang der Nationsbildung zusammen. Er stellt sich in der Regel als ein √ľberaus langwieriger sozialer und politischer Integrationsprozess dar. Er kann zu keinem Zeitpunkt, auch nicht nach der Gr√ľndung des eigenen unabh√§ngigen Staats, als abgeschlossen betrachtet werden. Ziel des Nationsbildungsprozesses ist die Integration und die gr√∂√ütm√∂gliche Homogenit√§t sozial, regional oder sogar politisch-staatlich voneinander getrennter Teile eines ¬ĽVolkes¬ę. Die Triebkr√§fte hinter der Nationsbildung sind unterschiedlich und abh√§ngig vom politischen Umfeld. Der Nationalismus als Ideologie und politische Bewegung hat an der Bildung der Nation erwartungsgem√§√ü einen ma√ügeblichen Anteil. Als entscheidend f√ľr das Gelingen des Vorgangs wird man in jedem Fall die Entstehung eines Bewusstseins beim Individuum und Kollektiv ansehen m√ľssen, das einer sozialen Gruppe besondere Eigenschaften, F√§higkeiten, Merkmale und Aufgaben zuschreibt.
 
 ... innerhalb bestehender Grenzen
 
F√∂rderer eines Nationalbewusstseins kann auch der auf Zentralisierung, Vereinheitlichung und Effizienz bedachte vornationale Staat sein. Die Nationsbildung vollzieht sich dann in Grenzen, die mit denen des bestehenden Staats identisch sind. Dies war zum Beispiel in Frankreich, Gro√übritannien, Portugal oder Schweden bereits fr√ľh der Fall. Dort ging der Prozess der Staatsbildung mit dem der Nationsbildung zum Teil Hand in Hand, zum Teil war erster letzterem vorgeordnet. Zwang und Gewalt spielten eine nicht zu √ľbersehende Rolle. Zur Nation wurde letzten Endes die Bev√∂lkerung, die innerhalb der Grenzen des Staats lebte, in dem der K√∂nig von Frankreich, der K√∂nig von England/Gro√übritannien oder der K√∂nig von Schweden der Souver√§n war. Die angeblich so homogene franz√∂sische Nation zum Beispiel umschlie√üt Bev√∂lkerungsgruppen verschiedener Herkunft, Kultur und Sprache.
 
Das Entstehen von Regionalismus seit den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts macht diesen Tatbestand wieder bewusst. Die Nation wurde also in Frankreich und anderswo sozusagen von oben geschaffen und nicht nur durch einen revolution√§ren Akt. Im Falle Frankreichs ist das weitgehend gelungen, obwohl der Regionalismus als Indiz daf√ľr gewertet werden kann, dass die franz√∂sische Nation heute von Desintegration bedroht ist. Der Vorgang der Nationsbildung schlie√üt also R√ľckschl√§ge grunds√§tzlich nicht aus. Er kann auch auf halbem Wege stecken bleiben. So vermochten dynastisch verklammerte Gro√üreiche wie die Habsburgermonarchie und bis zu einem gewissen Grade auch das russische Zarenreich nur ein gesamtstaatliches Nationalbewusstsein zu entwickeln, das sich auf eine schmale Schicht der Gesellschaft beschr√§nkte.
 
 ... außerhalb bestehender Grenzen
 
Im Europa des 19. und fr√ľhen 20. Jahrhunderts sind die Beispiele h√§ufiger, in denen die Nationsbildung noch vor der Gewinnung des Nationalstaats einsetzte. In diesen F√§llen hatte die Nation noch keine territoriale Wirklichkeit. Die Nationsbildung ignorierte vielmehr bestehende Staatsgrenzen, lie√ü sie hinf√§llig werden und f√ľhrte letztlich zur Bildung eines neuen Staats mit neuen Grenzen. Grundlage f√ľr die Nationsbildung waren dabei in der Regel sprachlich-kulturelle Gemeinsamkeiten, die nun besonders betont wurden. Das angestrebte Ziel war die Zusammenfassung der Kulturnation in einem Staat. Beispiele f√ľr F√§lle, in denen dies aufgrund g√ľnstiger politischer Umst√§nde, aber auch als Folge kriegerischer Auseinandersetzungen oder blutiger Aufst√§nde gelang, sind die nationalen Einigungsbewegungen der Griechen, Italiener, Deutschen, Iren oder Polen. Gewalt war also auch hier stets im Spiel.
 
Zudem mag mit Fug und Recht bezweifelt werden, ob die Nationsbildung in den genannten F√§llen schon im Moment der Nationalstaatsgr√ľndung abgeschlossen war. Nach der gegl√ľckten Gr√ľndung des italienischen Nationalstaats 1861 soll der fr√ľhere Ministerpr√§sident von Piemont-Sardinien, Massimo d'Azeglio, vor allem mit Blick auf den Nord-S√ľd-Gegensatz innerhalb Italiens bemerkt haben: ¬ĽWir haben Italien geschaffen, nun m√ľssen wir Italiener schaffen.¬ę
 
¬†Die Nation ‚ÄĒ Ein verblassender Mythos
 
Als sozialer Kitt f√ľr den Zusammenhalt einer Gesellschaft und als Fokus f√ľr individuelle politische Loyalit√§ten scheint die Nation immer noch unentbehrlich zu sein. Aber heute wird deutlicher denn je gesehen, dass die Nation keine von Gott gegebene Einheit ist und sich ihre Urspr√ľnge nicht im Dunkel der Geschichte verlieren. Nationen sind nicht die Bausteine, aus denen sich die Menschheit seit Urzeiten zusammensetzt. Die Nation ist vielmehr ein von Menschen geschaffenes Gebilde. Der amerikanische Politologe Benedict Anderson hat sie einmal zu Recht eine ¬Ľvorgestellte politische Gemeinschaft¬ę genannt. Ihre Geschichte reicht allenfalls bis zur Franz√∂sischen Revolution zur√ľck, auch wenn die Protagonisten des nationalen Gedankens im 19. und fr√ľhen 20. Jahrhundert das nicht wahrhaben wollten.
 
 Beginn der nationalen Geschichtsschreibung
 
In Darstellungen, die es mit dem Wahrheitsgehalt historischer Legenden oft nicht so genau nahmen, machten die Historiker ab dem 19. Jahrhundert alles das lebendig, was einer Nation genannten sozialen Gruppe an staatlicher Tradition angeblich aus der Vergangenheit zur Verf√ľgung stand. Es begann damals die Bl√ľtezeit der Nationalgeschichten. Staatliche Gebilde wie die polis Athen und das Byzantinische Reich bei den Griechen, das Imperium Romanum bei den Italienern oder das Reich der mittelalterlichen Kaiser bei den Deutschen wurden zu Vorl√§ufern des zu schaffenden Nationalstaats umgedeutet, oft in h√∂chst willk√ľrlicher Weise. Ebenso wurde die Abstammung des jeweiligen ¬ĽVolks¬ę von ber√ľhmten, staatlich organisierten V√∂lkern der Antike wie den Griechen und R√∂mern, aber auch den Kelten, Thrakern oder Germanen behauptet. Das alles geschah, um eine m√∂glichst lange und ruhmreiche nationale Geschichte zu konstruieren, aus der die Nation gewisserma√üen das Recht auf Unabh√§ngigkeit und Eigenstaatlichkeit herleitete.
 
 Rasse und Religion
 
Dass alle diese Bem√ľhungen mehr der Mythenbildung denn der historischen Wahrheitsfindung zuzuordnen waren, hat der franz√∂sische Religionswissenschaftler Ernest Renan schon fr√ľh erkannt. In einem Vortrag, den er 1882 in Paris hielt, wies er n√ľchtern nach, dass alle behaupteten Merkmale und tiefen historischen Wurzeln der Nation Fiktionen sind. Mit ¬ĽRasse¬ę und ¬Ľgemeinsamer Abstammung¬ę habe die Nation nichts zu tun, denn alle modernen Nationen seien im Grunde ein ethnisches Gemisch. Eine Politik, welche die Einheit der Nation mit rassischen Argumenten beweisen wolle, gr√ľnde auf einer Chim√§re.
 
Eine Nation sei auch nicht identisch mit der Sprache ‚ÄĒ wie w√§re sonst die Trennung der Vereinigten Staaten von Gro√übritannien, Lateinamerikas von Spanien zu erkl√§ren, wie andererseits der Zusammenhalt der Schweiz? Auch die Religion tauge nicht viel als integrierende Grundlage einer modernen Nation, denn staatliche und religi√∂se bzw. konfessionelle Grenzen fallen nur selten zusammen. Und die Geographie? F√ľr Renan ist es eine gef√§hrliche Theorie, die Nation in ihren vermeintlich ¬Ľnat√ľrlichen Grenzen¬ę errichten zu wollen. Die Geschichte zeige, dass die Lebensr√§ume der meisten modernen Nationen nicht stabil waren und sind.
 
Eine Nation, so forderte Renan, solle sich von solchen mythischen Vorstellungen frei machen und anerkennen, dass sie besser als politischer Zweckverband von Menschen zu verstehen ist, der mehr oder weniger durch die Umst√§nde bedingt zustande gekommen sei. Seine Schlussfolgerung: ¬ĽEine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon geh√∂rt der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenw√§rtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben. .. Eine Nation ist also eine gro√üe Solidargemeinschaft, getragen von dem Gef√ľhl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen gewillt ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus, aber trotzdem fasst sie sich in der Gegenwart in einem greifbaren Faktum zusammen: der √úbereinkunft, dem deutlich ausgesprochenen Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Das Dasein einer Nation ist. .. ein t√§glicher Plebiszit.¬ę
 
 Die Frage der Loyalität
 
Bis heute hat Ernest Renans Definition der Nation ihre G√ľltigkeit behalten: Nationen sind Gemeinschaften, die so lange existieren, wie sie in den K√∂pfen und Herzen der Menschen sind und von ihnen gewollt werden. Nationen beruhen auf Nationalbewusstsein, auf gemeinsamen Erinnerungen, auf gemeinsamen Wertvorstellungen und auch auf dem Umstand, dass eine gemeinsame Sprache die Kommunikation zwischen den Angeh√∂rigen der Nation m√∂glich macht.
 
Renans Definition deutet auch an, dass eine Nation erl√∂schen kann, wenn sie nicht mehr gedacht und gewollt wird. Wenn sich das nationale Bewusstsein abschw√§cht, lockert sich auch das Band, das die Nation zusammenh√§lt. Das muss nicht unbedingt negativ gewertet werden. Denn wenn das Nationalbewusstsein des Einzelnen schw√§cher wird, entsteht Raum f√ľr andere Loyalit√§ten. Der Nation wird dann nicht mehr die h√∂chste und ausschlie√üliche Loyalit√§t zugebilligt. Die Loyalit√§t der Nation gegen√ľber muss nun mit anderen Loyalit√§ten konkurrieren, sie wird relativiert.
 
 Hat die Nation eine Zukunft?
 
In Europa wird diese Relativierung begr√ľ√üt. Dort besitzt die Nation seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs l√§ngst nicht mehr den h√∂chsten Stellenwert auf der Skala der politischen Emotionen und Loyalit√§ten. Niemand geh√∂rt nur einer Gruppe an, der allein er oder sie sich verpflichtet f√ľhlt. Von der Familie, der Gemeinde, der Stadt, der Landschaft bis hin zur Kirche und Nation gibt es viele Gruppen, denen ein Individuum gleichzeitig angeh√∂ren kann. Sie alle fordern von ihm Loyalit√§t. Wer sagt ihm, dass allein der Nation seine bedingungslose Loyalit√§t gelten muss? Welche Gr√ľnde werden daf√ľr ins Feld gef√ľhrt? Hat die Geschichte nicht zur Gen√ľge gezeigt, dass die Verg√∂tterung der Nation furchtbare Konsequenzen hat? Es ist sicher angebracht, nach den nationalistischen Exzessen seit dem fr√ľhen 19. Jahrhundert und den Verbrechen, die im Namen der Nation begangen wurden und werden, der Nation und ihren Anspr√ľchen n√ľchtern, ja skeptisch gegen√ľberzutreten. Die integrierende Kraft der Nation in Vergangenheit und Gegenwart kann allerdings nicht geleugnet werden. Mit ihr ist deshalb auch in der Zukunft zu rechnen.
 
¬†Europa ‚ÄĒ Nation im Werden?
 
Aber ebenso gewiss ist, dass die Nation zumindest in Europa den Zenit ihrer politischen Faszination √ľberschritten hat. Angesichts der Bem√ľhungen um eine europ√§ische Einigung wird und kann ihr nicht mehr die gleiche zentrale Funktion als Sinngebungsinstanz zugebilligt werden wie noch im 19. und fr√ľhen 20. Jahrhundert.
 
Als Bezugsrahmen f√ľr individuelle Loyalit√§t und kollektive Identit√§t treten die Nation und die Kategorien des Nationalen in Europa zunehmend in den Hintergrund. Wen bewegt heute noch das Fehlen oder die K√ľnstlichkeit eines kr√§ftigen Nationalbewusstseins, gar ¬Ľdie Gr√∂√üe¬ę der Nation?
 
Damit einher geht eine schrittweise L√∂sung des Problems nationaler Minderheiten, das die Geschichte Europas seit dem fr√ľhen 19. Jahrhundert so au√üerordentlich belastet und nicht zuletzt zu zahlreichen Konflikten, zu Vertreibungen und Kriegen gef√ľhrt hat. Die Abschw√§chung nationalen Denkens macht nun einvernehmliche Regelungen zum Schutz von Minderheiten m√∂glich. Sie werden nicht l√§nger als st√∂rende Fremdk√∂rper in der Nation gesehen, sondern als gleichberechtigte Mitb√ľrger.
 
Der Europarat verabschiedete im Oktober 1993 die ¬ĽWiener Erkl√§rung¬ę, die den Wandel im Denken zum Ausdruck bringt. In der Erkl√§rung hei√üt es: ¬ĽDie durch die Umw√§lzungen der Geschichte in Europa entstandenen nationalen Minderheiten m√ľssen gesch√ľtzt und geachtet werden, um dadurch zu Frieden und Stabilit√§t beizutragen. In dem Europa, das wir bauen m√∂chten, m√ľssen wir auf die folgende Herausforderung eine Antwort finden: Sicherung des Schutzes der Rechte der Angeh√∂rigen nationaler Minderheiten im Rahmen eines Rechtsstaates unter Beachtung der territorialen Integrit√§t und der nationalen Souver√§nit√§t der Staaten. .. Die Schaffung eines Klimas der Toleranz und des Dialoges ist f√ľr die Beteiligung aller am politischen Leben notwendig. .. Mit ihren Aktionen m√ľssen die Staaten die Achtung der Grunds√§tze, die f√ľr unsere gemeinsame europ√§ische Tradition notwendig sind, sicherstellen: Gleichheit vor dem Gesetz, Nichtdiskriminierung, Chancengleichheit, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit sowie aktives Mitwirken am √∂ffentlichen Leben. Die Staaten sollten Bedingungen schaffen, die es den Angeh√∂rigen nationaler Minderheiten erm√∂glichen, ihre Kultur unter gleichzeitiger Beibehaltung ihrer Religion, Traditionen und Br√§uche weiterzuentwickeln.¬ę
 
Das hei√üt aber noch nicht, dass die europ√§ischen Nationen nun schon in einer einzigen Nation aufgegangen sind. ¬ĽDie europ√§ischen Nationen¬ę, schreibt der Historiker Hagen Schulze, ¬Ľ... erweisen sich in der Gegenwart als lebendige kulturelle und geistige Wesen, mehr noch: als Ausdruck jener Vielfalt, ohne die Europa sein Wesen verlieren m√ľsste... Wenn es eine Lehre gibt, die sich aus den zahlreichen Fehlschl√§gen der europ√§ischen Einigungsbem√ľhungen herauskristallisiert, so die, dass die europ√§ische Einigung nur mit, nicht gegen die Nationen und ihre legitimen Eigenheiten vor sich gehen kann... Im Laufe von tausend Jahren haben wir Europ√§er uns an unsere alten Staaten und Nationen gew√∂hnt; sie werden noch lange da sein, und sie werden gebraucht. Aber sie haben sich in der Vergangenheit immer wieder verwandelt, und auch k√ľnftig werden sie sich ver√§ndern; allm√§hlich k√∂nnen sie verblassen und zur√ľcktreten, um Platz zu machen f√ľr eine Nation Europa, deren Gestalt wir heute nur undeutlich ahnen.¬ę
 
Dem ist nichts hinzuzuf√ľgen. Die Frage nach der Zukunft der Nation beantwortet sich dahin gehend, dass ihre Zeit noch nicht abgelaufen ist. Die Nation wird uns auch im neuen Jahrhundert begleiten ‚ÄĒ im gl√ľcklichen Falle als zivilisierte, auf Toleranz und Gerechtigkeit gegr√ľndete Gemeinschaft m√ľndiger B√ľrger.
 
Prof. Dr. Peter Alter
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Ideologien des 19. Jahrhunderts: Liberalismus, Konservativismus, Nationalismus
 
 
Alter, Peter: Nationalismus. Frankfurt am Main 41993.
 Anderson, Benedict: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Aus dem Englischen. Neuausgabe Berlin 1998.
¬†Dann, Otto: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770-1990. M√ľnchen 31996.
 
Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus, herausgegeben von Michael Jeismann und Henning Ritter. Leipzig 1993.
¬†Hardtwig, Wolfgang: Nationalismus und B√ľrgerkultur in Deutschland 1500-1914. Ausgew√§hlte Aufs√§tze. G√∂ttingen 1994.
¬†Hobsbawm, Eric J.: Nationen und Nationalismus. Mythos und Realit√§t seit 1780. Aus dem Englischen. Neuausgabe M√ľnchen 21998.
 Korte, Karl-Rudolf: Nation und Nationalstaat. Bausteine einer europäischen Identität. Melle 1993.
 Langewiesche, Dieter: Nationalismus im 19. und 20. Jahrhundert. Zwischen Partizipation und Aggression. Vortrag vor dem Gesprächskreis Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn am 24. Januar 1994. Bonn 1994.
 Lemberg, Eugen: Nationalismus. 2 Bände. Reinbek 1964-68.
 Mayer, Tilman: Prinzip Nation. Dimensionen der nationalen Frage, dargestellt am Beispiel Deutschlands. Opladen 21987.
 
Nationalismus. Dokumente zur Geschichte und Gegenwart eines Ph√§nomens, herausgegeben von Peter Alter. M√ľnchen u. a. 1994.
 Schieder, Theodor: Nationalismus und Nationalstaat. Studien zum nationalen Problem im modernen Europa, herausgegeben von Otto Dann und Hans-Ulrich Wehler. Göttingen 21992.
¬†Schulze, Hagen: Staat und Nation in der europ√§ischen Geschichte. M√ľnchen 21995.

Universal-Lexikon. 2012.

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